Sanierung des Turmes
Am Turm der Kirche, dessen Sanierung ursprünglich für 2012 vorgesehen war, wurde schon seit Jahrzehnten eine statische Labilität beobachtet. Wegen der Schäden an Fundament und Substanz der Fachwerkkonstruktionen und aufgrund fehlerhafter baulicher Maßnahmen in den vergangenen Jahrhunderten, neigte sich der Turmkörper zunehmend nach Südwesten; Oktogon und Turmhaube vollzogen eine Drehbewegung. Weil diese Veränderungen zunahmen, wurden nach dem Rat des Statikers im Herbst 2006 Abstützungsmaßnahmen – Einbau von jeweils zwei 23 Meter langen Bäumen an der Süd- und Westseite des Turmes als Schwungsteifen – vorgenommen. Da sich die Schwingungen der Glocken beim Läuten in fehlerhafter Weise auf den Turm übertrugen, musste seit dem 29. April 2007 auch die kleine Glocke schweigen, nachdem bereits seit 2004 die große und seit 2006 die mittlere Glocke nicht mehr geläutet werden durften.
Messungen im April 2007 machten eine dramatische Gefährdung deutlich: Der Turm hatte sich um über 32 cm nach Südwesten geneigt und zusätzlich in der Haube eine Drehbewegung (in drei Wochen um 8,2 cm) ausgeführt. Da die Turmneigungab Sommer 2007 weiter bedrohlich zunahm, musste zur Gefahrenabwehr die Sanierung des Turmes gegenüber dem ursprünglichen Zeitplan vorgezogen werden.
Mit den Arbeiten wurde im November 2007 begonnen; es erfolgte seine Demontage in Segmenten mit Hilfe von Autokränen, die Zerlegung des Holztragwerks und Vermessung, Konservierung und fachgerechte Zwischenlagerung der wieder verwendbaren kulturhistorisch wertvollen Teile des Tragwerks.
Ab Dezember 2007 begannen bereits die Vorbereitungen für den Wiederaufbau: Die Westseite des Kirchengebäudes wurde gesichert und saniert, alles brüchige Material abgetragen, fünf Felsanker gesetzt und unter einem Winterbauzelt das neue Stahlbeton-Fundament gegossen. Dieses besteht aus zwei voneinander getrennten Einzelfundamenten: Das äußere dient der Lastabtragung der Fachwerkwand des Turmgebäudes, das innere trägt den zweigeschossigen Glockenträger mit dem Glockenstuhl im dritten Turmgeschosß, in dem die drei historisch wertvollen Glocken hängen. Nur durch diese konsequente Trennung der Bauwerke wird gewährleistet, dass die Schwingungen der schweren Glocken nicht über das gesamte Bauwerk abgetragen werden, wie dies vor der Sanierung geschah.
Im Frühjahr 2008 wurde auf einem extra hergerichteten Richtplatz direkt vor den Fundamenten des Glockenturmes der dreigeschossige Turmschaft aus zertifiziertem Mondholz vor den Augen der interessierten Öffentlichkeit neu abgebunden. Da das Turmgebäude auch das Oktogon, die große und die kleine Haube, sowie die Bekrönung sicher tragen muss, sind im Inneren stabilisierende Querhölzer unverzichtbar, die den Glockenträger berührungsfrei durchdringen. Da diese Querhölzer nur von allen vier Seiten her von außen eingebracht werden konnten, musste der Turm völlig freistehend aufgebaut werden.
Die fertige Gesamtkonstruktion mit ca. 60 t Masse wurde in einer spektakulären Aktion am 9. Juni 2008 mittels Autokran auf die neuen Fundamente gesetzt. Die Glocken wurden eingeshängt. Die inzwischen unter hohem denkmalpflegerischem Einsatz restaurierten Teile Oktogon und Innenturm (die Konstruktion für die große Haube) wurden am 11. Juni aufgesetzt. Es folgte der Anbau der ebenfalls restaurierten Spanten, die der großen Haube ihre charakteristische Form geben. Am 20. Juni 2008 konnte mit dem Aufsetzen der kleinen Haube und der Montage der Bekrönung (Knauf und Wetterfahne) das Richtfest gefeiert werden.
Nach dem zügigen Abschluss der Zimmerer- und Bleiarbeiten wurde schließlich am Erntedankfest , 5. Oktober, mit Festgottesdienst, Gemeinde- und Stadtfest die Wiedereinweihung des Glockenturmes gefeiert.
