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Geschichte der Kirche

Katastrophale Voraussetzungen

Am 20. September 1634 wurden in Clausthal durch ein Großfeuer von den etwa 320 Wohnhäusern 162 vernichtet. Das Rathaus mit seinem Archiv, die Münze, die Schule, die Pfarrhäuser und auch die erst 1610 errichtete Kirche verschonte das Feuer nicht.

Von den ca. 3000 Einwohnern der Stadt waren 1500 Personen plötzlich obdachlos geworden und mussten vor Beginn des Winters untergebracht werden.

Wenn wir uns diese Situation vorstellen wollen, müssen wir berücksichtigen,

  • dass die Männer ohne längere Unterbrechung auch weiterhin ihrer täglichen Arbeit im Bergbau nachgehen mussten, denn davon hing das Überleben der gesamten Bevölkerung ab,
  • dass der technische Stand der Nahrungsmittelproduktion und -verteilung es notwendig machte, für den Winter rechtzeitig genügend Vorräte an Mehl, geräuchertem Fleisch, Trockenobst u.s.w. anzulegen,
  • dass die Verkehrs- und Straßenverhältnisse der damaligen Zeit sehr begrenzt waren.

Für die 1500 Brandgeschädigten waren außer den Wohnungen die notwendigen Vorräte verbrannt und an die Beschaffung von Ersatz Ende September nicht zu denken.

Die aus diesem Grund drohende Hungerkatastrophe zu verhüten, stellte Bevölkerung und verantwortliche Behörden vor noch viel größere Probleme als der Verlust an Wohnraum, Kleidung, Möbeln und anderem zwingend notwendigem Hausrat.

Angesichts solcher Bedingungen grenzt es an ein Wunder, dass man den Neubau der zerstörten Hauptkirche auf höchstem Niveau betrieb. Schon die Zeitgenossen bewunderten das Ergebnis und nutzten es als Vorbild für zahlreiche evangelische Kirchenbauten.

Diese Bewertung gilt bis heute: So ist die Marktkirche zum Heiligen Geist im Februar 2005 offiziell in das Denkmalpflegeprogramm des Bundes „National wertvolle Kulturdenkmäler“  aufgenommen worden.

Drei günstige Bedingungen

  1. Auf dem Friedhof verfügte die Stadt über ein zweites Kirchengebäude, das den Brand überstanden hatte. Es ließ sich sofort provisorisch erweitern, daher waren die Schwierigkeiten nicht übermäßig, die große Zahl der Gottesdienste, die die damalige Gesellschaft als lebensnotwendig ansah, zu organisieren.
    Außerdem bot die Gottesackerkirche in ihrem Dachreiter die Möglichkeit, als Ersatz für das zerstörte Geläut der Hauptkirche eine kleine Glocke aufzuhängen. Diese wurde unmittelbar nach dem Brand in St. Andreasberg gekauft, wo man angesichts der Notsituation in Clausthal bereit war, im eigenen Geläut auf diese zu verzichten.
    Weit wichtiger als das Läuten für die Gottesdienste war es nämlich, dass eine funktionsfähige Einrichtung für das tägliche „Anläuten“ zur Verfügung stand, denn dadurch wurden die Bergleute zur Arbeit gerufen und die zeitlichen Abläufe des gesamten Bergbaubetriebes zentral geregelt.
    Indem man die Friedhofskapelle nutzte, konnte der Termindruck für die Wiedererrichtung der Hauptkirche so weit gemildert werden, dass Zeit blieb, die Planung für den Neubau zu einer wirklich ausgereiften Lösung zu führen.
  2. Zwar war mit dem Rathaus das städtische Verwaltungszentrum vernichtet worden, das Amtshaus, der Sitz der Bergbaubehörde, war indessen erhalten geblieben. Da man dort zusammenrückte, konnte das gesamte Verwaltungsgeschehen sofort mit der nötigen Effizienz weitergeführt werden.
  3. Letztlich ausschlaggebend für den Kirchenbau aber war die „Personenfrage“. Mit dem Oberbergmeister Georg Illing und seinem Sohn Kaspar, der damals Obergeschworener war, wirkten in der Gemeinde zwei engagierte Persönlichkeiten. Sie waren einerseits kunstinteressiert genug, für die Gestaltung des Neubaues erstklassige Künstler heranzuziehen, andererseits hatten sie eine so einflussreiche gesellschaftliche Stellung inne, dass sie in der Lage waren die notwendige Finanzierung erfolgreich zu betreiben. Besonders Georg Illing verfügte in diesem Bereich über gründliche Erfahrung, hatte er doch 1632 schon dafür gesorgt, dass die Vorgängerkirche von 1610 mit Gemälden und Schnitzerei reich ausgestattet wurde.